Strategie verstehen: Systematische Klärung eines schwierigen Begriffs

9.11.2025 / Michael Geiss

„Wir verfolgen eine klare Strategie.“ Marketing-, Vertriebs- und AI-Strategie, Implementierungsstrategie, HR-Strategie, Servicestrategie, Kostenstrategie, Differenzierungsstrategie. Ach ja: Innovationsstrategie, Diversifizierungsstrategie. Freemiumstrategie. Blue Ocean Strategie. Alles klar?

Was bitte ist eine Strategie?

Strategie ist eines der am meisten missverstandenen Wörter im Management. Um sie zu meistern, müssen wir zwei völlig unterschiedliche Welten verstehen: Erstens die klare Logik. Das ist die Struktur von Strategie, die Theorie, die Sichtweisen und Schulen. Und zweitens die wilde Realität. Was passiert, wenn Psychologie, Machtpolitik, der Zufall und das Chaos auf Ziele, Pläne und Positionierungen treffen. Wir also vom Labor raus ins Gelände gehen.

Hier geht esum das Fundament: Was ist überhaupt ein “Strategieproblem”? Was ist „Strategie”? Wie denken wir „strategisch“? Wer ist der „Stratege“ in diesem Spiel – und wie entsteht eine Strategie?

Wie man Strategie in der Realität navigiert, wenn Plan auf Wirklichkeit trifft, zeigt der zweite Teil.

KERNTHESE: Strategie ist nicht die Handlung, sondern die Erkenntnis, die zur Handlung führt. Strategisch wird eine Entscheidung erst durch die Durchdringung von sechs Dimensionen: Ziel, Constraints, Umfeld, Interdependenzen, Trade-offs, Timing. Erst wenn alle sechs durchdrungen sind, wird sichtbar, welche Optionen real existieren – und was jede von ihnen kostet. Strategie macht die Struktur des Entscheidungsraums sichtbar. Was kostet jede Option – in Freiheitsgraden? Jede Entscheidung verändert den Raum, in dem die nächste Entscheidung stattfindet. Strategie ermöglicht, Veränderung zu antizipieren.

Was ist ein Strategieproblem? Oder anders gefragt: Wofür brauchen wir Strategien?

Strategie wird inflationär verwendet – für Pläne, Ziele, Maßnahmenbündel. Der allgemeine Sprachgebrauch suggeriert: Strategie ist weitreichend, langfristig, teuer. Taktik ist klein, kurzfristig, reversibel. Die meisten Menschen machen intuitiv die Unterscheidung, Strategieprobleme mit Größe, Reichweite oder Zeithorizont zu verbinden. Eine Millioneninvestition wäre dann automatisch strategisch, eine schnelle Entscheidung taktisch. Das verwechselt aber Symptom mit Struktur. Größe und Zeithorizont sind Teil der Problemstruktur, nicht Kriterium für Strategie. Oder anders: Eine Fabrik in den USA kann strategisch sein – oder einfach nur ein großer Fehler mit langfristigen Konsequenzen. Wer diese kontraintuitive Sichtweise verinnerlicht, nähert sich dem Kern.

Ist die Schwierigkeit des Problems das Kriterium? Auch nicht. Dieselbe Fabrik in den USA: Der Bau ist komplex, teuer, voller Koordinationsaufwand – aber die Komplexität macht ihn nicht strategisch. Denn der Bau folgt bekannten Kausalitäten: Ingenieurswissen, Projektmanagement, kalkulierbare Risiken. Schwierigkeit bei stabiler Kausalität ist ein Umsetzungsproblem, kein Strategieproblem. Nicht jedes schwierige Problem braucht also automatisch Strategie. Deshalb ist präzise Unterscheidung wichtig.

»Ein Strategieproblem liegt vor, wenn die Kausalität zwischen Handlung und Ergebnis strukturell instabil wird.«

Das bedeutet, wenn weder Erfahrung noch Analyse einen zuverlässigen Lösungsweg garantieren können. Vier Marker geben eine Indikation, dass ein Problem strategisch ist:

  1. Ambiguität – Es gibt kein "Best Practice". Wer eine Checkliste abarbeiten kann, hat kein Strategieproblem, sondern eine Umsetzungsaufgabe.

  2. Interdependenz – Das Ergebnis hängt von Reaktionen ab, die du nicht kontrollierst: Kunden, Wettbewerber, Systeme. Du kannst beeinflussen, nicht bestimmen.

  3. Ressourcenknappheit – Begrenzte Mittel treffen auf unbegrenzte Optionen. Strategie ist der Zwang zum Trade-off.

  4. Irreversibilität – Die Entscheidung schließt andere Pfade aus. Was Strategieentscheidungen von operativen unterscheidet, ist nicht der Druck, sondern die Pfadabhängigkeit.

Strategieprobleme kennzeichnet also, dass der Lösungsweg nicht offensichtlich ist, Entscheidungen Wechselwirkungen erzeugen – und wir uns für das eine und gegen das andere entscheiden müssen. Ein Strategieproblem wäre so gesehen: Bauen wir die Fabrik in den USA, oder woanders, oder gar nicht?

Die vier Marker zeigen, welche Probleme Strategie erfordern. Sie sagen allerdings nicht, was Strategie ist.

Worum es hier geht:

Was ist Strategie?

Strategiedefinitionen in Literatur, Wissenschaft, Management

Strategie und Tacit Knowledge

Westliches und östliches Strategieverständnis

Die 6 Strategiedimensionen

Der Stratege, seine Rolle, Haltung und Kompetenzen

Ein Beispiel zum Einstieg

Dick Fosbury war Hochspringer. Er hatte Wahlmöglichkeiten, denn er konnte A) die etablierte Straddle-Technik perfektionieren (wie alle anderen) oder B) eine neue Technik entwickeln (riskant, ungetestet). Er wählte B). War das Strategie?

Zwei Lesarten:

Lesart 1: Wenn Fosbury das Ziel hatte: "Ich will Olympiasieger werden. Mein Körperbau passt nicht zur Straddle-Technik. Die Konkurrenz ist stark. Ich brauche einen Vorteil. Weiche Matten erlauben jetzt neue Techniken. Ich entwickle jetzt eine biomechanisch überlegene Methode." Das ist Strategie.

Lesart 2: Wenn Fosbury sich gefragt hat „Wie springe ich höher? Lass mich experimentieren. Rückwärts funktioniert besser. Cool, damit bin ich sogar der Beste. Ah, ich gewinne Olympia.“ Das ist Technik/Innovation.

Eine erste Schlussfolgerung: Strategie ist die ganzheitliche Durchdringung einer Problemstellung auf ein Ziel hin – mit einer handlungsleitenden Erkenntnis. Fosbury Flop ist Strategie, wenn er Olympiasieger werden wollte – und wäre Technik, wenn er nur den Sprung optimieren wollte (selbst wenn er damit letztlich sogar Olympiasieger wurde).

Strategie bedeutet, vom Ziel her denken und handlungsleitende Erkenntnisse entwickeln. Innovation/Technik bedeutet, vom Problem her denken, die Lösung optimieren. Der Unterschied ist die Richtung.

Die entscheidende Erkenntnis liegt in der transformativen Durchdringung. Es geht also nicht um die Handlung selbst, sondern um den tieferen Einblick, der die Handlung inspiriert und leitet. Die strategische Perspektive zwingt uns, das Ziel rückwärts zu denken – einen mentalen Prozess zu gehen, der die Komplexität retrograd durchdringt und eine klare, durchschlagende Lösung offenbart. Die Richtung (vom Ziel her denken) ist wichtig, aber nicht hinreichend. Es kommen fünf weitere Dimensionen dazu.

»Strategie ist die handlungsleitende Erkenntnis, die aus der zielgerichteten Durchdringung der sechs Dimensionen Ziel, Constraints, Umfeld, Interdependenzen, Trade-offs und Timing resultiert. Dabei ist nicht die Handlung selbst die Strategie, sondern die Erkenntnis, die zur Handlung führt.«

Die 6 Dimensionen der Strategie:

  1. Ziel: Was ist der präzise Zielzustand? Was will ich erreichen? (Zielbeschreibung, Messgröße)

  2. Constraints: Welche harten / nicht verhandelbaren Grenzen gibt es? (Kapital, Regulatorik, Kultur)

  3. Umfeld: Welche Kräfte wirken exogen? (Wettbewerb, Technologie, Regeln, Nachfrage)

  4. Interdependenzen: Welche Kopplungen und Systemeffekte lösen wir aus? (Netzwerke, Pfadabhängigkeit, Wechsel- und Rückwirkungen)

  5. Trade-offs: Wogegen entscheiden wir uns explizit, wenn wir uns für etwas entscheiden? (Positionierung, Ressourcen, beste Alternative)

  6. Timing: Was ist wann richtig? (Zeitpunkt, Sequenz, Takt, Fenster)

Strategie ist also mehrdimensional. Man kann groß und langfristig entscheiden, ohne damit strategisch zu sein. Größe und Langfristigkeit sind wie gesagt Teil der Problemstruktur, nicht Kriterium für Strategie. Die Fabrik in den USA wird erst zur Strategie durch Ziel, Constraints, Umfeld, Interdependenzen, Trade-offs und Timing. Dagegen unser Protagonist im Beispiel weiter unten – er denkt in zehn Sekunden alle sechs Dimensionen durch und springt ins Wasser – und es ist Strategie.

Gandhi – gewaltloser Widerstand. Ist das eine Strategie nach obigem Konzept?

1. Ziel: Indische Unabhängigkeit von Großbritannien

2. Constraints: Keine militärische Macht, keine Waffen, aber: massive Bevölkerung, moralische Authority, Bildung (Anwalt)

3. Umfeld: Britisches Empire nach dem 1. Weltkrieg, internationale Beobachtung (Presse), indische Bevölkerung 300 Mio, demokratische Öffentlichkeit in UK

4. Interdependenzen: Briten können nicht massiv Gewalt gegen Gewaltlose anwenden, ohne internationale und heimische Legitimität zu verlieren. Je brutaler die Reaktion, desto stärker Gandhis Position

5. Trade-offs: Eigene Opfer (Todesgefahr, Gefängnis), keine Garantie auf Erfolg, Geduld gegen Geschwindigkeit

6. Timing: Jahrzehntelanger Prozess (statt schneller Militäraufstand). Nach WW1, als britisches Empire geschwächt war

Antwort: Ja, das ist eine Strategie. Aber präziser: “Gewaltloser Widerstand” ist Kern der Strategischen Architektur: “Indische Unabhängigkeit durch moralische Delegitimierung der britischen Herrschaft, basierend auf asymmetrischer Konfrontation.” Taktik (Umsetzung der Strategie) ist der Salzmarsch (1930), Quit India Movement (1942), Verhandlungen.

EXKURS: Strategie in Literatur, Wissenschaft und Managementpraxis

Über Strategie ist viel geschrieben und diskutiert worden. Strategie ist daher auch kein einheitliches Konzept – sie changiert zwischen verschiedenen Betrachtungsweisen und entstammt aus verschiedenen Schulen, Kulturen und Denkweisen. Die Dimensionen von Strategie begegnen uns im Alltag, im Sprachgebrauch und aus verschiedenen Denkschulen. Jeder, der den Begriff „Strategie“ benutzt, benutzt ihn etwas anders, aus einer der Perspektiven. Das macht die Diskussion unscharf und widersprüchlich.

Strategiekonzepte (wichtig zu wissen, in welche Richtung jemand denkt)

Strategie als Plan (klassisch-rational) Bewusst entwickelte Handlungsabfolge zur Zielerreichung. Vorab festgelegt, explizit, intentional.

Strategie als Muster (deskriptiv-emergent) Konsistenz im Verhalten über Zeit. Entsteht auch ungeplant aus wiederholten Entscheidungen.

Strategie als Position (marktorientiert) Verortung im Wettbewerbsraum. Relationale Bestimmung gegenüber Konkurrenz und Umwelt.

Strategie als Perspektive (kognitiv-kulturell) Kollektive Weltsicht der Organisation. Mentale Modelle, die Wahrnehmung und Handlung prägen.

Strategie als List (spieltheoretisch: Strategem) Taktisches Manöver zur Übervorteilung. Täuschung, Überraschung, asymmetrische Information.

Strategie als Entscheidungsarchitektur (systemisch-kybernetisch) Regelwerk zur Komplexitätsbewältigung. Ermöglicht dezentrale Kohärenz ohne zentrale Steuerung.

Strategiedefinitionen (wichtig zu wissen, aus welcher Schule jemand kommt)

Klassisch-Militärisch (beliebt im Management)

  • Sun Tzu: „Strategie ist die Kunst, sein Ziel zu erreichen, ohne zu kämpfen.“

Management-Klassiker (schwer widerlegbar)

  • Drucker: “Strategy: Doing the right things. Tactics: Doing things right.”

  • Chandler: „Strategie ist die Festlegung langfristiger Ziele und die Wahl von Handlungsalternativen sowie die Allokation von Ressourcen.“

Positionierungsschule (verbreitet)

  • Porter: „Strategie ist die Schaffung einer einzigartigen und wertvollen Position durch eine Kombination von Aktivitäten.“

Prozess-/Emergenzschule (empirisch)

  • Mintzberg: „Strategie ist sowohl geplant (intended) als auch emergent (realized).“

Spieltheoretisch (aktuell)

  • Dixit/Nalebuff: „Strategie ist die Wissenschaft vom erfolgreichen Handeln in Situationen strategischer Interdependenz.“

  • Schelling: „Strategie ist die bewusste Manipulation von Erwartungen anderer Akteure.“

Systemisch-Kybernetisch (abstrakt)

  • Malik: „Strategie ist die Logik wirksamen Handelns in komplexen Systemen.“

  • Schreyögg: Strategie ist ein zielorientierter Handlungsplan unter ständiger strategischer Kontrolle – daher adaptiv bei Änderung von Prämissen, externen Einflüssen und Realisierungsfortschritt.

Die klassikschen Strategiedefinitionen sind wertvoll, aber durch die jeweilige Schule geprägt und daher nicht universell anwendbar.

Um sich dem Thema Strategie gemäß der obigen Überlegungen allgemein anzunähern, hier ein Gedankenexperiment:

Du möchtest ans andere Ufer eines Flusses. Welche Strategien hast du?

„Ich kann schwimmen, ein Boot nehmen, eine Brücke benutzen.“ Du kannst noch viel mehr: Einen Tunnel bohren. Oder drüber fliegen. Ein Brückenbauunternehmen beauftragen oder selbst lernen, wie man eine Hängebrücke baut ... Oder darauf warten, dass der Fluss zufriert oder austrocknet ...

Sind das bereits Strategien oder nur Handlungsoptionen? Beleuchten wir das Problem mit Hilfe der sechs Dimensionen am Beispiel: Drei Menschen stehen am selben Fluss. Alle möchten ans andere Ufer. Optionen: schwimmen, Boot nehmen, Brücke bauen.

Person A ist auf der Flucht. Verfolger zwei Stunden entfernt. Sie kann schwimmen, ist fit, hat einen Rucksack dabei. Sie steht am Ufer und durchdenkt ihre Situation in zehn Sekunden:

Ziel: Überleben durch maximale Distanz. Constraint: Keine Zeit für Alternativen, Schwimmfähigkeit vorhanden. Umfeld: Verfolger nicht verhandelbar, kein Boot verfügbar. Interdependenz: Jede Minute Verzögerung reduziert Überlebenschance. Trade-off: Rucksack mit Habseligkeiten gegen Geschwindigkeit. Timing: Jetzt. In einer Stunde ist der Vorsprung zu gering.

Die handlungsleitende Erkenntnis: “Unter diesen Bedingungen ist sofort schwimmen die einzige konsistente Antwort auf meine Problemstruktur.”

Sie springt ins Wasser. Fünf Minuten später steht sie am anderen Ufer, ohne Rucksack, erschöpft, aber mit ausreichend Vorsprung. Die Entscheidung dauerte zehn Sekunden. Die Umsetzung fünf Minuten. Das ist Strategie – nicht weil es groß oder langfristig ist, sondern weil die Handlung aus der vollständigen Durchdringung des Problems emergiert.

Person B ist Tourist. Will rüber ans andere Ufer, um dort spazieren zu gehen, dann wieder zurück. Sie mietet ein Boot für zwei Stunden. Zahlt fünf Euro, rudert rüber. Das ist keine Strategie. Nicht weil es zu klein ist, sondern weil nur zwei der sechs Dimensionen relevant sind: Ziel (einmal rüber) und Constraint (Boot verfügbar). Die anderen vier Dimensionen sind trivial: Umfeld? Egal. Interdependenz? Keine. Trade-offs? Keine. Timing: Egal – wenn nicht jetzt dann ein andermal. Das Problem ist zu simpel für strategisches Denken. Auch wenn es auch wieder nur ans andere Ufer geht, diesmal gibt es keine handlungsleitende Erkenntnis, nur eine praktische Transaktion.

Person C will auch ans andere Ufern, kann nicht schwimmen, hat kein Geld, aber sechs Monate Zeit. Ihre handlungsleitende Erkenntnis: „Meine Constraints eliminieren alle aktiven Optionen. Aber die Natur arbeitet für mich, wenn ich warte.“ Sie wartet bis zum Winter. Der Fluss friert zu. Sie geht über das Eis. Strategie – nicht weil es sechs Monate dauert, sondern weil Constraints eine klare, vom Ziel gedachte Antwort erzwingen.

Was zeigt sich hier? Strategie ist nicht die Handlung. „Schwimmen“ ist keine Strategie. „Boot mieten“ ist keine Strategie. „Warten“ ist keine Strategie. Strategie ist die Erkenntnis, die aus der Durchdringung der Problemstruktur emergiert und die Handlung leitet.

Erkenntnis entsteht also, wenn man ein Problem durch sechs Dimensionen hindurchdenkt: Ziel, Constraints, Umfeld, Interdependenzen, Trade-offs, Timing. Erst wenn alle sechs Dimensionen durchdrungen sind, wird sichtbar, was zu tun ist. Diese Sichtbarkeit – nicht die Größe, nicht die Dauer – macht etwas strategisch.

Person A durchdenkt in zehn Sekunden, was Person C ohne Zeitdruck durchdenkt. Beide handeln strategisch. Der Zeitunterschied ist Ergebnis ihrer unterschiedlichen Problemstrukturen, nicht Kriterium für strategisches Denken.

FAZIT: Strategie ist die ganzheitliche Durchdringung einer Problemstellung auf ein Ziel hin, die zu einer handlungsleitenden Erkenntnis führt. Strategie ist das vollständig Durchdachte. Bedeutet: Strategie ist weniger Methodik als vielmehr Wissen und Können. Ein Stratege wiederum ist die Person, die ganzheitlich sieht, erkennt, worauf es ankommt und die kontextbezogen entscheidet. Wenn der Stratege für Dritte tätig ist, wir er zum Handlungs-Empfehler.

 

Strategie und Tacit Knowledge

“We can know more than we can tell.” schrieb Michael Polanyi 1966. Jeder kennt es: unsere Erkenntnisfähigkeit übersteigt systematisch unsere Artikulationsfähigkeit. Grund ist unsere fokale Aufmerksamkeit. Was wir explizit benennen können, ist viel weniger als unser subsidiäres Bewusstsein, mit all dem vielen, was wir ständig implizit nutzen, aber nicht explizit machen.

Die höchste Ausprägungsstufe heißt Indwelling (Innewohnen) des Wissens und Könnens. Man nennt es auch „Meisterschaft“. Beim Meister-Strategen werden auch die Werkzeuge und Konzepte Teil seiner impliziten Wahrnehmung. Sie sind somit präsent, ohne dass er sie explizit machen muss. Dadurch kann der Meister entscheiden, ohne sich vollständig zu erklären.

Konsequenzen für Strategen: Strategie braucht Tacit Knowledge.

  • Strategen können in komplexen Kontexten vernetzt sehen

  • Strategien lassen sich durch Frameworks oder Canvases nur simplifiziert vermitteln

  • Strategen verfügen über Erfahrung und Immersion durch wiederholte Navigation komplexer Situationen

  • Strategiekompetenz vermittelt sich durch „Apprenticeship“ (Meister-Schüler), nicht durch Texte

  • Artikulationsparadox der Strategie: Sobald man versucht, strategisches Sehen oder Denken zu explizieren, verliert es die Ganzheit. Der Zuhörer erfährt Teile, aber nicht die Integration.

Zwei epistemologische Zugänge zum Strategieprozess

Strategisches Denken operiert nicht in einem einzigen Modus. Es bewegt sich zwischen zwei komplementären Erkenntnisweisen, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Der westlich-rationale Zugang. Strategie ist Planung unter Unsicherheit. Wir analysieren das System, erkennen Muster, formulieren Optionen, treffen bewusste Entscheidungen.“ Bedeutet:

  • Strategie ist intentionale Planung

  • Komplexität wird durch Analyse bewältigt

  • Wirksamkeit ist Kontrolle und bewusste Gestaltung

  • Vermittlung durch Artikulation und Explizierung

  • Reduktion auf handhabbare Modelle

Vertreter: Porter, Mintzberg, Chandler, Malik, Schreyögg

Der taoistisch-emergente Zugang. „Strategie ist Navigation mit dem System, nicht gegen es. Handelnde spüren die Strömung, erkennen den richtigen Moment (Kairos), handeln ohne zu erzwingen.“ Bedeutet:

  • Strategie ist Bewegung und Navigation mit der Strömung

  • Komplexität wird durch Wu Wei bewältigt

  • Handlung in Harmonie und Nicht-Erzwingen

  • Intuition und Nicht-Konzeptualisierung

  • Akzeptanz von Unbestimmtheit

Vertreter: Sun Tzu, Tao Te Ching, östliche Strategietradition

Wu Wei (無為) – Das Nicht-Erzwingen bedeutet keineswegs “Nichtstun”, sondern vielmehr “Handeln in Übereinstimmung mit der Natur des Systems”. Es geht darum, nicht gegen die Struktur anzukämpfen, sondern den wirksamsten Punkt oder den minimalen Widerstand zu finden. Das Timing ist hierbei entscheidend, nicht der Krafteinsatz.

Sun Tzu hat das mit Militärvokabular formuliert: “Die höchste Form der Kriegsführung ist, die Pläne des Feindes zu durchkreuzen. Die nächste ist, seine Allianzen zu brechen. Die nächste ist, seine Armee anzugreifen. Das Schlechteste aber ist, seine Städte zu belagern.” Es gilt die Hierarchie der Effizienz: Je weniger Kraft eingesetzt wird, desto strategischer ist eine Handlung.

Kairos (καιρός) – Der richtige Moment ist ein griechisches Konzept mit taoistischer Resonanz. Nicht Chronos, die messbare Zeit, sondern Kairos, der qualitative Moment, entscheidet. Der Augenblick, in dem ein Effekt minimale Kraft erfordert oder in dem Kraft ihre maximale Wirkung entfaltet. Der Stratege erkennt diesen Moment, während andere nur Chronologie wahrnehmen, was bedeutet: Timing ist “strategischer” als Planung.

Der Stratege operiert in beiden Modi: Er nutzt westliche Analyse und taoistische Intuition. Der Stratege nutzt Framework-Denken zur Strukturierung und Wu Wei für Handlungstiming. Er plant UND lässt emergieren. Er plant und hat hat eine Intention, zugleich ist er adaptiv gegenüber dem Werdenden. Er gestaltet UND folgt der Strömung. Er nimmt wahr, wann der interveniert, und wann er passiv geschehen lässt. Der Stratege spürt immersiv, wann das System Analyse braucht, wann es Wu Wei braucht, wann er planen muss und wann er geschehen lassen kann. Wann er in welchem Modus agiert, ist wiederum selbst Tacit Knowledge.

Vergleichstabelle der westlichen rationalen und taoistischen emergenten Grundhaltungen, Erkenntnismodi, Umgang mit Komplexität und Kommunikation, mit Erklärungen in deutsch. Beispiel: 'Planung trotz Unsicherheit' und 'Navigation mit der Strömung'.

FAZIT: Sechs Dimensionen zur systematischen Durchdringung von Strategie

1. ZIELEBENE (Guiding light). Wohin?

  • Strategische Orientierung (nicht operative Ziele)

  • Der „Nordstern“, der Richtung gibt

2. CONSTRAINTS (Ressourcen, Fähigkeiten). Wodurch?

  • Was begrenzt uns?

  • Was steht zur Verfügung?

  • Was ist gegeben, nicht gewählt?

3. UMFELD (Rahmenbedingungen). Wo?

  • Markt, Kontext, System

  • Akteure

  • Strukturelle Rahmenbedingunge

4. INTERDEPENDENZ (Reaktionen, Wechselwirkungen). Was geschieht?

  • Spieltheoretische Dimension

  • Reaktionen anderer Akteure

  • Systemische Rück- und Wechselwirkungen

5. TRADE-OFFS/PRIORISIERUNG (Alternativen). Was tun wir nicht?

  • Bewusste Negation

  • Fokus und Verzicht

6. TIMING (Temporalität). Was wann?

  • Timing: Wann welcher Move?

  • Pfadlogiken: Wie beeinflussen frühe Entscheidungen spätere Optionen?

 

Der Stratege

Menschen mit Strategiefähigkeit sind in der Lage, mit großer Komplexität umzugehen, halten Schlussfolgerungen und Ergebnisse lange offen, wenn es erforderlich ist – und liefern im entscheidenden Moment große Klarheit und eindeutige Empfehlungen.

Aufgrund von Tacit Knowledge versteht er Ziele und Visionen auf einer Ebene, die sich nur begrenzt artikulieren lässt – und schafft Klarheit in allen sechs Strategiedimensionen. Daraus folgt seine Fähigkeit zur Bewertung und Priorisierung – er validiert Prämissen und Outputs, unterscheidet Relevantes von Irrelevantem. Er sieht Interdependenzen innerhalb und zwischen den Dimensionen, erkennt systemische Muster und versteht, wie sich Entscheidungen wechselseitig bedingen. Trade-offs sind für ihn keine analytische Übung, sondern gelebte Praxis: Er validiert harte Entscheidungen, unterscheidet notwendige von vermeidbaren Verzichten und arbeitet mit impliziten Entscheidungsmustern. Seine Antizipationsfähigkeit verbindet spieltheoretisches Denken mit Urteilskraft – er erkennt, welche Reaktionen wahrscheinlich und welche relevant sind. Schließlich leistet er Übersetzung: Er transferiert strategische Erkenntnis in kommunizierbare Form und ermöglicht so den Anschluss zwischen Erkenntnis und Organisation – auch für Nicht-Strategen.

 

Erwerb strategischer Kapazität

Strategische Kapazität lässt sich nicht in Kursen erwerben und nicht studieren. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Intellekt und Offenheit, Haltung und akkumulierter Erfahrung.

Intellektuelle Grundlage ist die Fähigkeit zu abstraktem, meta-systemischem und rekursivem Denken. Der Stratege erkennt Muster auf hoher Abstraktionsebene und verfügt über die kognitive Kapazität, Mehrdeutigkeit nicht nur auszuhalten, sondern produktiv zu nutzen. Dazu kommt strategische Neugier – eine permanente Bereitschaft, Prämissen zu hinterfragen, ein genuines Interesse an Interdependenzen und der Drang, komplexe Systeme zu durchdringen.

Das strategische Mindset zeigt sich in Komplexitätstoleranz statt Reduktionsdrang, in der Bereitschaft, Nicht-Wissen auszuhalten, und in der Balance zwischen Skepsis und Handlungsfähigkeit. Die taoistische Grundhaltung – Kraft und Nicht-Erzwingen zugleich – ist hier keine Metapher, sondern operative Realität.

Fundiert wird all dies durch wiederholte Navigation komplexer, mehrdeutiger Situationen. Strategische Kapazität akkumuliert sich als Mustererkennung über die Zeit, integriert Fehler und vertieft sich durch Immersion zum Indwelling. Es ist ein Prozess lebenslangen Lernens: Tacit Knowledge braucht Zeit zur Entwicklung und Vernetzung, Subsidiary Awareness entsteht durch wiederholte Exposition. Dekaden praktizierten Strategiedenkens formen den Meister – wobei Intellekt und Haltung darüber entscheiden, wie weit die Meisterschaft reicht.

 

Der Stratege als Consigliere

Der Stratege ist oft Consigliere – Vertrauter des Entscheiders. Er ist aber nicht in der Hierarchie und trägt daher keine operative Verantwortung. Trotzdem hat er zentrale organisationale Bedeutung: Obwohl er nicht führt, nicht operativ entscheidet und mit gegebenen Zielen arbeitet, unterstützt er die Entwicklung der Vision, konzeptualisiert handlungsrelevant und bewertet Optionen auf Meta-Ebene. Was der Consigliere anders macht als ein Berater: Er entwickelt keine umfassenden Konzepte oder Theorien, hält keine Powerpoint-Präsentationen und ist kein Welterklärer. Der„Consigliere“ ist der vertraute Ratgeber. Er interveniert mit Tiefe und Substanz. Durch seine Vertrauensbeziehung zum Entscheider oder Eigentümer hat er hohen Einfluss ohne formale Macht.

Beispiel einer Consigliere-Intervention

Situation: CEO plant große Akquisition, Board ist skeptisch, Berater haben 200-Seiten-Gutachten erstellt.

Klassischer Berater sagt: "Unsere Analyse zeigt drei Szenarien: Best Case ROI 15%, Base Case 8%, Worst Case -5%. Wir empfehlen weitere Due Diligence in den Bereichen X, Y, Z. Timeline: 6 Monate."

Consigliere sagt: "Ich würde es nicht tun. Das Timing ist falsch – Ihr Team ist noch nicht integriert von der letzten Akquisition. Der Gründer auf der anderen Seite will nicht verkaufen, sondern seinen Ausstieg monetarisieren. Sie werden eine Hülle kaufen, keine Firma. Wenn Sie unbedingt wollen: Warten Sie 18 Monate, dann kommen die von selbst – verzweifelt statt selbstbewusst."

Der Unterschied: Das Statement des Consigliere ist keine Optionen, sondern eine Richtung. Es ist keine Analyse, sondern Erkenntnis. Es gibt auch keine Dokumentation, da es ein Gespräch ist. Es hat Momentum.

Warum gibt es so wenige echte Consigliere? Als Consigliere fungieren erfordert strategische Kapazität, die extrem selten ist. Er ist erwiesen vertrauensfähig, er kontrolliert vollumfänglich sein Ego und unterlässt jede Selbstdarstellung, sein Timing-Gefühl sagt ihm, wann er sprechen muss und wann schweigen. Diese Persönlichkeit bildet sich in Jahren und Jahrzehnten.

»Strategie ist Klarheit im Denken. Und Konsequenz in der Entscheidung.«

 

Wann trägt Strategie?

Nicht die Generierung von Optionen ist Strategiearbeit – es ist deren Eliminierung. Es ist die Konfrontation mit dem, was das System nicht sehen will. Echte strategische Erkenntnis legt offen, was das System über sich selbst nicht wissen wollte: den verborgenen Code, nach dem es wirklich operiert – nicht den, den es proklamiert. Diese Erkenntnis zählt. Das Strategieproblem ist nicht gelöst, wenn eine Antwort vorliegt. Es ist gelöst, wenn die Frage verstummt.

Der Weg dorthin ist unbequem, weil er Entscheidung verlangt, statt Möglichkeiten anzubieten. Strategie erzeugt keine Wahlfreiheit – sie eliminiert sie. Vermeintliche Optionen hören auf, logisch zu sein. Aus Analyse wird Erkenntnis. Erkenntnis liefert Richtung.

Das System, in dem die Strategie wirksam werden muss, gehorcht anderen Gesetzen. Es lässt sich nicht instruieren – nur irritieren. Es bewegt sich nicht nach Plan – nur nach Energie. Dort beginnt die Navigation. Sie verlangt vom Strategen etwas anderes als Klarheit: Bewegung in Ungewissheit.

Ausblick: Die Illusion des fixen Punktes

Soweit zum Wesen der Strategie. Wir haben das System zerlegt und seine Komponenten verstanden. Doch Strategie findet nicht im Labor statt, sondern in einer dynamischen Realität. Sie muss in komplexen, sozialen Systemen – unseren Unternehmen – navigiert werden. Sobald wir das theoretische Modell dort in Bewegung setzen, treffen wir auf die wohl trügerischste Variable der gesamten Gleichung: Das Ziel. Sind diese Ziele wirklich die stabilen Fixsterne, für die wir sie halten? Dazu und zur strategischen Navigation mehr im folgenden Essay.

Fragen? clarity (at) strategists.ch

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Michael Geiss ist Stratege und Unternehmer. Sein Fokus: Geschäftsmodelle unter AI-Bedingungen und nachhaltige Transformation. Er schreibt über die systemischen Effekte von AI auf Strategie und Entscheidungslogik.

Essays und Reflexionen:

Strategie. Annäherung an einen schwierigen Begriff.

Strategie in der Praxis. Navigation im offenen System.

Strategische Selbstdisruption (Teil 1). Mit AI und Nachhaltigkeit zum zukunftsfähigen Geschäftsmodell

Strategische Selbstdisruption (Teil 2): Die Umsetzung in der Praxis.

Strategy Rooms. The Inner Game. Denkhaltungen und Mindsets zur Strategieentwicklung.

Strategy OS. Wie AI strategisches Denken ermöglicht.

Über Ziele und Werte. Das Alignment Problem und seine systemische Unmöglichkeit.

Manipulation durch AI. Wie AI-LLM ihre Nutzer in Dialogen systematisch beeinflussen.

Die Rolle des Menschen im AI-Zeitalter. Strategien intelligenter AI-Steuerung.

Patterns of Humanity. Warum Menschen so unglaublich einfach vorhersagbar sind.

Du sprichst, also zeichnest du dich selbst. Wie AI dein Innerstes rekonstruiert, ohne dass du es merkst.

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